Niederdeutsch in Sachsen-Anhalt

Niederdeutsch
Niederdeutsch, häufig auch Plattdeutsch genannt, ist die prägende Regionalsprache Norddeutschlands. Sprachgeschichtlich lässt sich Sachsen-Anhalt in eine niederdeutsch geprägte Nordhälfte und eine mitteldeutsche Südhälfte gliedern. Die Sprachgrenze verläuft ungefähr von Benneckenstein über Aschersleben und Calbe bis zur Saalemündung, weiter bis Coswig und nördlich von Wittenberg bis zur Schwarzen Elster. Sie folgt einer Lautgrenze, die mit der sogenannten Zweiten oder Hochdeutschen Lautverschiebung zusammenhängt.

Sprachgrenze
Anschaulich wird diese Grenze an Unterschieden wie „ik“ und „ich“ oder „maken“ und „machen“. Während sich im Hochdeutschen bestimmte Konsonanten veränderten, blieben in den niederdeutschen Mundarten ältere Lautformen erhalten. Nördlich der Lautverschiebungsgrenze war und ist Niederdeutsch in der alltäglichen Kommunikation verankert, auch wenn heute vielfach nur noch Reste davon in regionalen Umgangssprachen erkennbar sind.

Vom Mittelalter bis heute
Die Geschichte des Niederdeutschen in Sachsen-Anhalt reicht weit zurück. Bedeutende mittelalterliche Schriftzeugnisse stehen in enger Verbindung mit der Region. Dazu gehört der um 1225 entstandene „Sachsenspiegel“ des Eike von Repgow. Auch die „Sächsische Weltchronik“ sowie Texte der Mystikerin Mechthild von Magdeburg zählen zu wichtigen Zeugnissen des Mittelniederdeutschen im südlichen Ostfalen. Im 15. und 16. Jahrhundert verlor Niederdeutsch seine Bedeutung als offizielle Schriftsprache, blieb jedoch als gesprochene Alltagssprache erhalten.
Seit dem 20. Jahrhundert hat sich die Stellung des Niederdeutschen stark verändert. Besonders seit den 1950er- und 1960er-Jahren wurde die Sprache in vielen Familien immer seltener an die nächste Generation weitergegeben und zunehmend vom Hochdeutschen verdrängt. Lange Zeit galt Plattdeutsch sogar als Bildungshemmnis. Seit den 1990er-Jahren ist jedoch ein Wandel in der Wahrnehmung zu erkennen: Das Niederdeutsche wird wieder stärker als kultureller und sprachlicher Wert verstanden. Weil die Weitergabe innerhalb der Familien vielerorts unterbrochen ist, kommt heute Schulen, Kindergärten, Universitäten sowie Kultur- und Bildungseinrichtungen eine wichtige Rolle bei der Vermittlung zu.


Niederdeutsch erhalten
Auch in Sachsen-Anhalt gibt es institutionelle Strukturen zur Erforschung, Dokumentation und Förderung des Niederdeutschen. Die 1990 gegründete Arbeitsstelle Niederdeutsch an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, eine Kooperation der Universität und des Landesheimatbundes, beschäftigt sich mit der Sprache in historischer und aktueller Perspektive. Zu ihren Aufgaben gehören Forschung, der Aufbau eines Dialektarchivs, Sprachpflege und die Erarbeitung von Lehrmaterialien. Ein Schwerpunkt liegt auf dem schulischen Bereich. Damit steht die Arbeit auch im Zusammenhang mit der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen, durch die sich die 8 norddeutschen Bundesländer zur Förderung des Niederdeutschen verpflichtet haben.
Niederdeutsch erzählt von einer langen Kulturgeschichte, von historischen Sprachräumen und Wortherkünften, durch mündliche Überlieferung und literarische Zeugnisse. Zugleich ist der Sprachenrand des Niederdeutschen, wie er hier zu finden ist, ein nicht zuletzt sprachwissenschaftlich besonders spannendes Gebiet, treffen sich hier doch wie nirgends sonst Gefährdung und Wiederbelebung, vielfach sichtbar im großen Engagement um Erhalt und Sichtbarmachung.

Platt in Altmark, Börde und Harz
Niederdeutsch ist in Sachsen-Anhalt keine einheitliche Sprachform. Innerhalb des niederdeutschen Sprachgebiets im Norden des Landes haben sich verschiedene regionale Varietäten entwickelt. Besonders deutlich lassen sich drei größere Räume unterscheiden: die Altmark, die Magdeburger Börde und der Harz beziehungsweise das nördliche Harzvorland. Sie bilden wichtige Bezugspunkte für Forschung, Sprachpflege und Vermittlung des Niederdeutschen in Sachsen-Anhalt.
Altmark
Das Altmärker Platt gehört sprachgeschichtlich zum Ostniederdeutschen, genauer zum Nordmärkischen. Sein Verbreitungsgebiet umfasst vor allem die Altmark mit Städten und Regionen um Salzwedel, Gardelegen, Stendal und Osterburg. Das „berlinern“ der dortigen Bevölkerung hat mit der Hauptstadt nichts zu tun, wohl aber mit der niederdeutschen Sprache, die dort jahrhundertelang selbstverständlich gesprochen wurde und auch die heutige Umgangssprache prägt. Innerhalb der Altmark lassen sich wiederum unterschiedliche lokale und regionale Ausprägungen erkennen. Dabei zeigt sich besonders deutlich, wie kleinräumig niederdeutsche Sprachlandschaften sein können. Unterschiede in Aussprache, Wortschatz und Grammatik treten zum Teil bereits zwischen benachbarten Orten auf.


Magdeburger Börde
Das Platt der Magdeburger Börde wird überwiegend dem Ostfälischen zugerechnet und unterscheidet sich deutlich von dem der Altmark. Dieser niederdeutsche Sprachraum reicht über die heutige Landesgrenze Sachsen-Anhalts hinaus und verbindet die Börde sprachgeschichtlich mit weiten Gebieten im südlichen und südöstlichen Niedersachsen. Sprachgeschichtlich sprechen also die Menschen zwischen Göttingen, Hannover, Braunschweig und Magdeburg dieselbe Sprache, die natürlich in unzählige lokale Dialekte aufgeteilt werden kann. Auch innerhalb der Börde wurde und wird kein einheitliches Niederdeutsch gesprochen. Lokale Varianten und Unterschiede zwischen einzelnen Orten gehörten vielmehr selbstverständlich zur regionalen Sprachpraxis.


Harz und Harzvorland
Besonders vielgestaltig ist die Situation im Harz und im Harzvorland. Hier liegt das niederdeutsche Sprachgebiet unmittelbar an seiner südlichen Grenze zum Mitteldeutschen. Niederdeutsch geprägt sind vor allem der Nordwestharz sowie das nördliche und nordöstliche Harzvorland. Das Harzer Platt hat seine sprachgeschichtlichen Wurzeln ebenfalls im Ostfälischen. Im östlichen Harzvorland treten jedoch stärkere Einflüsse benachbarter mitteldeutscher Sprachräume hinzu. Dadurch entstand eine besonders abwechslungsreiche Übergangslandschaft, die sich jedoch als niederdeutsch versteht und behauptet. Mit Stolz wird die niederdeutsche Sprachtradition hier – wie andere Traditionen – durch bürgerschaftliches Engagement hochgehalten.


Eine regionale Sprachlandschaft
Altmark, Börde und Harz stehen somit für drei eigenständige regionale Ausprägungen des Niederdeutschen in Sachsen-Anhalt. Wer sich mit Niederdeutsch in Sachsen-Anhalt beschäftigt, begegnet deshalb keiner einheitlichen Sprache, sondern einer vielfältigen regionalen Sprachlandschaft und entdeckt sprachliche Anknüpfungspunkte, die ungeahnte Verbindungen zu nahen und fernen Nachbarländern offenbaren. Gerade dies macht einen wichtigen Teil ihres kulturellen und historischen Reichtums aus.