Ortschronisten und Arbeitskreis Geschichte
In den ersten Jahren des Landesheimatbundes war die Heimatforschung vor allem im Arbeitskreis Geschichte verankert. Dort arbeiteten Historikerinnen und Historiker, Ortschronisten, Heimatforscher, Museologen, Bibliothekare, Lehrkräfte, Universitätsangehörige und weitere Interessierte zusammen. Tagungen, Exkursionen und Publikationen verbanden eigene Forschung mit fachlichem Austausch; Ergebnisse professioneller und ehrenamtlicher Forschender standen dabei nebeneinander.
Mit den politischen und institutionellen Umbrüchen nach 1990 entstand zugleich ein erheblicher Bedarf an methodischer Unterstützung. Seit 1994 wurden vielerorts Menschen im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen mit der Erarbeitung oder Fortführung von Ortschroniken betraut. Der Landesheimatbund bot Schulungen zu Quellenarbeit, Archiven und Bibliotheken, Datenschutz und später auch zum Einsatz von Computern an. Seit 1995 fanden solche Fortbildungen dezentral im Norden, in der Mitte und im Süden Sachsen-Anhalts statt; ein Merkblatt zum Schreiben von Ortschroniken ergänzte das Angebot.
1997 wurde dieser Ansatz in Genthin mit einem 200 Stunden umfassenden Pilotprojekt für Mitarbeitende in Chronik- und Archivprojekten vertieft. Eine dauerhafte Fortsetzung dieses Modells entstand damals nicht. Der Bedarf blieb jedoch bestehen: Noch im Jahr 2000 veranstaltete der Landesheimatbund Ortschronistentagungen in Magdeburg und Halle. Der Bericht über das Pilotprojekt von 1997 dokumentiert diese frühe Phase.
Neuansatz ab 2019
Die Frage, wie Heimatforschende dauerhaft unterstützt werden können, wurde in den folgenden Jahren immer wieder aufgegriffen. 2014 erschien eine neue Handreichung für Ortschronisten und Heimatforscher. Befragungen bei Fortbildungsveranstaltungen 2017 und 2018 zeigten anschließend recht klar, wo die Probleme lagen: Gewünscht wurden mehr methodische Qualifizierung und Kenntnisse digitaler Werkzeuge; zugleich waren die Zukunft privater Sammlungen und unveröffentlichter Chroniken, die Gewinnung von Nachwuchs sowie die Verbindung der Engagierten untereinander und mit Fachinstitutionen vielfach ungeklärt. Viele Befragte wollten ausdrücklich an größeren, auch überregionalen Vorhaben mitarbeiten.
Darauf reagierte 2019 das Pilotprojekt „Heimatforscher. Die Qualifizierung von Engagierten in den Bereichen Ortschronik und Heimatgeschichte stärken, ihre Arbeitsbedingungen verbessern und Nachwuchs gewinnen“. Es war in der Servicestelle für bürgerschaftliches Engagement im Kulturbereich angesiedelt; Kooperationspartner wurde das Historische Datenzentrum Sachsen-Anhalt an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Eine Erhebung zu Projektbeginn ermittelte mehr als 500 freiwillig Engagierte in Ortschronik und Heimatgeschichte im Land.
Aus dem Projekt gingen der systematische Grundlagenkurs Heimatforschung und die Konzeption eines jährlichen Vernetzungstreffens hervor. Für den ersten, im November 2019 begonnenen Kurs mit 80 Unterrichtsstunden lagen mehr als 120 Anmeldungen vor. Damit wurde eine ältere Aufgabe des Verbandes neu organisiert: Qualifizierung blieb wichtig, wurde nun aber mit Vernetzung, digitaler Sicherung und der Frage nach dauerhaften Publikationswegen verbunden. Der Beitrag „Das Heimatforschernetz Sachsen-Anhalt unter dem Dach des Landesheimatbundes“ zog 2021 eine erste Bilanz.
Vom Projekt zum dauerhaften Arbeitsfeld
Mit dem Ende der Projektförderung 2021 liefen die aufgebauten Angebote nicht aus. Für das Heimatforschernetz wurde eine eigene Stelle eingerichtet und innerhalb der Servicestelle Bürgerschaftliches Engagement verstetigt. Seitdem werden Grundlagenkurs, Beratung und Vernetzung kontinuierlich betreut. Der ebenfalls 2021 erstmals durchgeführte Tag der Heimatforschung entwickelte sich zum jährlichen Forum, an dem Heimatforschende, Geschichtsvereine, Archive, Museen, Hochschulen und weitere Fachinstitutionen zusammenkommen.
Schon im Heimatforscherprojekt war dabei mehr angelegt als ein Fortbildungsprogramm. Die Bilanz von 2021 benannte die stärkere Einbindung von Heimatforscherinnen und Heimatforschern in bürgerwissenschaftliche und crowd-basierte Projekte ausdrücklich als nächsten Schritt. 2024 wurde der Tag der Heimatforschung in die internationale Tagung „Digital History & Citizen Science“ eingebunden. Damit rückte die Verbindung von lokalem Wissen, digitaler Geschichtswissenschaft und gemeinsamer Forschung stärker in den Mittelpunkt.
Digitalisierung als Infrastruktur
Parallel dazu entstand eine technische und publizistische Infrastruktur. Seit 2021 arbeiten Landesheimatbund, Museumsverband Sachsen-Anhalt, Historisches Datenzentrum und Institut für Landesgeschichte bei „Ortschroniken digital“ zusammen. Ein mobiler Archiv- und Buchscanner vom Typ Bookeye 5V3 ist seit März 2022 an wechselnden Orten im Land im Einsatz. Museen, Archive, Vereine und Heimatforschende können damit historische Chroniken und andere lokale Quellen vor Ort in hoher Qualität digitalisieren.
Entscheidend ist die Weiterverarbeitung. Die Digitalisate werden geprüft, rechtlich geklärt, inhaltlich erschlossen und mit Normdaten beschrieben. Veröffentlichte Chroniken erscheinen in der Reihe „Ortschroniken digital. Bürgerwissenschaftliche Beiträge zur Landesgeschichte Sachsen-Anhalts“ und erhalten über Zenodo einen dauerhaften Digital Object Identifier. Aus einem mobilen Scanner ist so eine Kette von der lokalen Quelle bis zur dauerhaft auffindbaren und zitierfähigen Veröffentlichung entstanden. Der KONNEX-Beitrag „Vom Scan zum DOI“ beschreibt diesen Arbeitsprozess und die Perspektive eines wachsenden, digital auswertbaren Quellenkorpus.
Vom Netzwerk zum gemeinsamen Forschen
Das 2026 gestartete Heimatforschernetz Burgenlandkreis führt diese Entwicklung regional weiter. Zunächst werden vor allem Quellen zur Industrie- und Alltagsgeschichte – Fotografien, Chroniken, Postkarten, Werkszeitungen und andere Bestände – in Archiven, Vereinen und privatem Besitz gesucht, digitalisiert und erschlossen. Zugleich soll eine Gemeinschaft von Ortschronistinnen, Ortschronisten und weiteren lokal Forschenden entstehen. Herzstück ist eine offene Webplattform, auf der Materialien zugänglich gemacht, mit Erinnerungen und Kontextwissen verbunden und gemeinsam weiterentwickelt werden können.
Ziel ist damit nicht mehr allein, einzelne Engagierte für ihre eigene Forschung zu qualifizieren. Das Netzwerk soll Beteiligung an einem gemeinsamen Citizen-Science-Projekt ermöglichen: lokale Quellen auffinden, Wissen zusammentragen, Bestände erschließen und Forschungsergebnisse miteinander verbinden. Damit wird eine Entwicklung fortgeführt, die im Heimatforscherprojekt von 2019 bereits angelegt war und durch Grundlagenkurs, Tag der Heimatforschung und „Ortschroniken digital“ schrittweise erweitert wurde.
Die heutigen Kurse, Termine, Digitalisierungsangebote und Kontakte bündelt die Arbeitsfeldseite Heimatforschung & Ortschronik.